Alltagsgeist und Wissenschaft

Trotz fraglos großer Erfolge ist die Naturwissenschaft bis zum heutigen Tag nicht in der Lage, eine in sich geschlossene Beschreibung unserer Alltagswirklichkeit zu leisten. So kann die physikalische Grundlagenforschung zwar die Entstehung von Farben erklären, zu ihrer Wesensart vermag sie jedoch nichts beizutragen.

Dass Tomaten rot sind, dürfte niemand bestreiten. Gegenteilige Behauptungen sollten widersinnig erscheinen. Nun wissen wir aber, dass Tomaten  - wie alle anderen Objekte auch - aus kleinsten Teilchen, den Atomen bestehen. Diese sind definitiv farblos. Wie kommt also Farbe in die Welt?

Die naive Vorstellung, dass Licht von Objekten farbig reflektiert wird, ist falsch. Die Quantenphysik lehrt, dass in einem Atom Elektronen ihre Quantenbahnen wechseln, wenn sie von Licht (Photonen) dazu angeregt werden. Kurze Zeit später springt das Elektron auf die ursprüngliche Quantenbahn zurück, wobei ein Photon mit einer dem Quantensprung entsprechenden Wellenlänge emittiert wird. Wenn dieses Photon dann unser Auge erreicht, sehen wir eine seiner Wellenlänge entsprechende Farbe. Dies Farbe existiert ausschließlich im Geist und nicht in der äußeren Realität.

Demnach müsste man in Anlehnung an Ludwig Wittgenstein sagen:
Farben treten erst durch das Subjekt ein. Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern ist eine Grenze der Welt.

Und tatsächlich sind bislang in keinem Labor der Welt Farben gesehen worden. Dasselbe gilt natürlich ebenso für den Gesang der Vögel, die Süßigkeit des Zuckers, den Duft der Rose, das Gefühl von Wärme oder Kälte und andere an subjektiven Empfindungen. All diese für uns gewohnten Alltagserfahrungen finden keine Entsprechung in der naturwissenschaftlichen Realität.

Damit stellt sich die Frage: „Was ist Illusion, Alltagsgeist oder Wissenschaft?“ Wie die Antwort auch lauten mag, in jedem Fall bleibt festzustellen, dass Wissenschaft keine vollständige Beschreibung unserer Wirklichkeit erlaubt. Woraus nicht geschlossen werden darf, dass wir mit unserem Alltagsgeist einer Illusion unterliegen. Es ist die einzige Wirklichkeit, die wir haben.

Wissenschaft kann dem Alltagsgeist sehr wohl als Gebrauchsanweisung dienen, allerdings nur als eine Gebrauchsanweisung mit großen Lücken.

Detlef B. Bartel   


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