Coronavirus und Schopenhauer

Wird nach der Corona-Krise nichts mehr so sein, wie es war? Warten wir es ab. Eines dürfte jedoch jetzt schon klar sein, der Fortschrittsglaube hat einen Riss bekommen. Die Zeiten, als man noch hoffte, die modernen Wissenschaften könnten hinreichende Sicherheit schenken, sind ein für alle Mal vorbei. Das Coronavirus hat die Verwundbarkeit einer globalisierten Welt offenbart, hat gezeigt, auf welch dünnem Eis wir uns befinden. Zeit, nach neuen Wegen zu suchen. 

Und Zeit, sich auf die eigenen Kräfte zu besinnen. Wenn das Vertrauen in die Welt verloren geht, müssen wir es bei uns selbst finden. Nur so ist den beängstigenden Zumutungen der Zukunft zu begegnen. 

Sollten wir allerdings dem Großmeister Arthur Schopenhauer glauben, so gäbe es gar keine Zukunft, sondern nur G e g e n w a r t :

Vor allem, müssen wir deutlich erkennen, dass die Form der Erscheinung des Willens, also die Formen des Leibes oder der Realität, eigentlich nur die G e g e n w a r t ist, nicht die Zukunft, noch Vergangenheit; . . . In der Vergangenheit hat kein Mensch gelebt, und in der Zukunft wird nie einer leben; sondern die G e g e n w a r t allein ist die Form alles Lebens, ist aber auch sein sicherer Besitz, der ihm nie entrissen werden kann“. (Die Welt als Wille und Vorstellung) 

Demnach wären sowohl Zukunft als auch Zukunftsängste eine Selbsttäuschung. Schopenhauer holt sich Unterstützung bei Thomas Hobbes: 

„Die Scholastiker lehrten, die Ewigkeit sei nicht eine Aufeinanderfolge ohne Ende oder Anfang, sondern ein beharrendes J e t z t , d. h. dass wir dasselbe J e t z t besitzen, welches das J e t z t für Adam war; d. h. dass zwischen dem J e t z t und dem D a m a l s kein Unterschied sei.“ (Leviathan) 

Wer also durch Selbsterkenntnis die Ausschließlichkeit der G e g e n w a r t erkennt, dem gibt Schopenhauer folgendes Versprechen: 

„Wen daher das Leben, wie es ist, befriedigt, wer es auf alle Weise bejaht, der kann es mit Zuversicht als endlos betrachten und die Todesfurcht als eine Täuschung bannen, welche ihm die ungereimte Furcht eingibt, er könne der Gegenwart je verlustig werden.“ 

Schopenhauer vergleicht den Willen mit dem Ding an sich eines Immanuel Kants. Uns sei es erlaubt, ihn mit Ludwig Wittgensteins Subjekt, dem bewusste Wesen, zu identifizieren. Wir erinnern uns: 

„Das Subjekt gehört nicht zur Welt, es ist eine Grenze der Welt.“

Wie für Witttgenstein das Subjekt der Welt vorausgeht, so ist es bei Schopenhauer der Wille, der die Erscheinungen, alle Formen des Leibes, erschafft. 

Subjekt und Wille markieren das Unpersönliche, das weder dem Raum noch der Zeit und auch nicht der Kausalität unterworfen ist. Letztere kommen erst mit den Erscheinungen der Welt, den Formen des Leibes und der Realität ins Spiel. So kann Schopenhauer sagen:

„Denn zwar ist Jeder nur als Erscheinung vergänglich, hingegen als Ding an sich zeitlos, also auch endlos."

Selbsterkenntnis bedeutet in diesem Sinne einerseits, sich sowohl in den Formen des Leibes als auch im Willen Schopenhauers wiederzuerkennen, und andererseits, als Subjekt und in der Welt Wittgensteins zugleich zu leben.  

Der Punkt, an dem sich im einen Fall Wille und Formen des Leibes und im anderen Subjekt und Welt treffen, ist die  G e g e n w a r t . Und wenn es dann nur noch Gegenwart gibt, kann die Zukunft niemanden mehr ängstigen.