Das farblose Nichts

Wollten wir dem Blumengirlanden-Sutra vertrauen, dann wäre „die Natur des gesamten Universums nur vom Geist alleine erschaffen“. Diese Aussage scheint auf den ersten Blick mit unserer Alltagswelt zu kollidieren. Bei aufmerksamer Betrachtung wird man jedoch feststellen, dass die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse diesem Konzept nicht grundsätzlich widersprechen. 

 So ist es unter Wissenschaftlern schon seit langem kein Geheimnis, dass die Natur farblos ist. Wie Farben entstehen, wurde erst verstanden, nachdem man in der Lage war, Atome eingehender zu untersuchen: 

Alle Objekte bestehen aus Atomen. Diese Atome sind winzig klein, viel zu klein, um sie mit dem Auge zu sehen. Hinzu kommt, dass Atome größtenteils aus luftleerem Raum bestehen. Die Masse des Atoms wird eigentlich nur vom Kern gebildet. Dieser stellt aber nur ein Zehntausendstel der Größe des gesamten Atoms dar. Das bedeutet, wenn wir auf einen Gegenstand schauen, sehen wir zu 99,99 Prozent gar nichts, nur leeren Raum! 

Dennoch sehen wir Farben. Diese haben wir jedoch nicht dem Atomkern zu verdanken, sondern einerseits den umgebenden Elektronen und andererseits dem Licht. Licht besteht bekanntlich aus Photonen. Wenn diese auf ein Atom treffen, können sie ein Elektron auf eine höhere, energiereichere Bahn katapultieren. Kurze Zeit später springt das Elektron auf seine ursprüngliche Bahn zurück und emittiert dabei ein Photon. Wenn dieses Photon nun zufällig auf einen Photorezeptor des Auges trifft, erzeugt es dort einen Nervenimpuls, der im Gehirn eine Farbwahrnehmung hervorruft.

Hinzu kommt, dass uns das Gehirn auch Oberflächen von Gegenständen sehen lässt, die es in diesem Sinne nicht gibt. Atome haben keine Außenflächen, nur elektromagnetische Felder, die sich gegenseitig auf Distanz halten. Egal, was wir sehen - wir sehen immer nur Photonen, nie Farben oder Wände.  

Fazit: Von wissenschaftlicher Seite ist dem Blumengirlanden-Sutra insofern zu widersprechen, als dass der Geist allein nicht ausreicht. Er ist auf eine materielle Basis angewiesen. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass dem Gehirn ein bunter Strauß nicht-physikalischer Zutaten zur Verfügung steht, um unsere Wirklichkeit zu gestalten. Zu diesen Zutaten zählen nicht nur Farben, sondern auch die Süße des Zuckers, der Duft der Rose und vieles andere mehr. Besonders erwähnenswert sei noch die erstaunliche Fähigkeit des Gehirns, die unendlichen Leerräume zu füllen, die atomaren Objekten zu eigen sind. Diesem Beitrag ist es zu verdanken, dass wir überhaupt etwas sehen.

Keine dieser Zutaten findet auf der materiellen Ebene eine Entsprechung.

D. Bartel - Berlin, Dezember 2020

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