Das unglückliche Bewusstsein

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der Mensch seit Beginn der Moderne zum Anhängsel eines heute weltweiten Waren- und Kapitalverkehrs wurde. Nicht nur die Menschen mussten lernen, sich dieser Entwicklung zu unterwerfen, mit ihnen auch die Apparate der Gemeinschaftsordnung inklusive der Organe der Kultur. Sie alle wurden degradiert zu Mitteln und Zweck eines sich selbst organisierenden seelenlosen Systems. Es versteht sich von selbst, das unter diesen Voraussetzungen Hilfe von den Institutionen für eine positive Sinnstiftung nicht zu erwarten ist.

So nimmt es nicht Wunder, dass wir von einer allgemeingültigen Werteordnung weiter denn je entfernt sind. Und es bleibt letztendlich dem Einzelnen überlassen, sich selbst um ein passendes Weltbild zu kümmern.

Am Ende schwimmen alle gemeinsam im Fluss der Waren- und Kapitalströme, wobei jeder versucht, sich irgendwie mit seinen Idealen über Wasser zu halten: die Anhänger Jesus’ wie die Mohammeds, die Freunde Hitlers und die Stalins, die Demokraten und die Faschisten, und so weiter und sofort. Und doch wissen alle, dass Ideale nur in den Köpfen frei existieren können, dass die Wirklichkeit ganz anders aussieht. Diese gleicht mehr einem Haifischbecken, in dem sich die unterschiedlichen Ideale gegenseitig zerfleischen. Zuletzt hasst jeder jeden.

Dennoch genießen Ideale seit jeher ein hohes Ansehen. Dabei wird oft vergessen, dass schon im Ansatz ein Problem lauert, weil wir dazu neigen, uns Ideale zum Vorbild zu nehmen, die weit über unsere Möglichkeiten hinausgehen. Wir machen uns gewollt oder ungewollt klein im Vergleich zu den Idealen. Daraus resultiert notwendigerweise ein unglückliches Bewusstsein, dass sich nochmals potenziert, wenn wir kämpfen müssen, weil Teile der Gemeinschaft nicht folgen wollen. 

In jedem Fall bleibt das Verlangen nach Sinngebung hoch. Alles andere erscheint uns als Nihilismus, wobei wir gerne vergessen, dass dieser Wunsch auch nur ein Effekt der Erziehung ist. An diesem Punkt setzt die Selbsterkundung an. Durch Selbstreflexion wird erkannt, dass alle Sinngebungen auf Denken beruhen. Dann wird auch gesehen, dass die Kunst des Nicht-Wissens zugleich die Kunst ist, das Leben so zu leben, wie es ist, es nicht zu negieren, sondern zu bejahen, anstatt einem unerreichbaren Ideal nachzujagen.

D. Bartel - Berlin, November 2020

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