Die Wirklichkeit des Gehirns

Das Verhältnis von Wirklichkeit zur Realität bleibt ein Rätsel. Nun schreibt der namhafte Neurobiologe Gerhard Roth in seinem Buch "Das Gehirn und seine Wirklichkeit", dass schon den mittelalterlichen Philosophen bekannt war, dass

 dasjenige, was in den Sinneszentren des Gehirns ankommt, eine andere Beschaffenheit hat als die       Umweltreize.“

Daraus folgt:

„Die Wahrnehmung eines Baumes ist nicht von derselben Beschaffenheit wie der Baum.“

Dieser Einschätzung dürfte die Mehrzahl der Wissenschaftler heute zustimmen. Gerhard Roth weiter:

„Der Übergang von der physikalischen und chemischen Umwelt zu den Wahrnehmungszuständen des Gehirns stellt einen radikalen Bruch dar.“ Die Komplexität der Umwelt wird 'vernichtet' durch ihre Zerlegung in Erregungszustände von Sinnesrezeptoren, aus denen das Gehirn durch komplexe Mechanismen die überlebensrelevante Komplexität der Umwelt erschließen muss.“

So kommt Gerhard Roth letztendlich zu dem Schluss:

„Die Wirklichkeit, in der ich lebe, ist damit ein Konstrukt des Gehirns.“

Nun schließt diese Wirklichkeit natürlich auch meine eigene Person ein, was Gerhard Roth zu der Aussage veranlasst:

„Daraus folgt zugleich: Nicht nur die von mir wahrgenommenen Dinge sind ein Konstrukt in der Wirklichkeit, ich selbst bin ein Konstrukt“.

Dieser irritierenden Bemerkung lässt Gerhard Roth folgende Worte folgen:

„Der Abschied vom Ich als Autor meine Handlungen und die Feststellung >>Ich bin ein Konstrukt<< bzw. >>das Ich ist ein Konstrukt<< mögen sehr befremdlich klingen. Diese Feststellung mag uns >>den Boden unter den Füßen wegziehen<<, aber sie ist genauso zwingend wie alle anderen Feststellungen über die Konstruktivität der Wirklichkeit.“

Damit stellt sich natürlich die große Frage: Wer bin ich?

Und das wäre zugleich die perfekte Einladung zur Meditation. 


Detlef B. Bartel - Berlin, Juni 2020

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