Ich-Verzicht 

Was Tony Parsons' Konzept so angenehm macht, ist die Schlichtheit seiner Darstellungen. Er vermeidet Schlagworte wie Erleuchtung oder Glückseligkeit und selbst das Wort Erwachen gebraucht er mit größter Vorsicht. Er redet öfters über Befreiung, gemeint ist die Befreiung vom Ich. Gefragt, was denn passiert, wenn das Ich zu seinem Ende kommt, antwortet er:

„What can happen is that there can be a knowing you're sitting there, and then there can be a shift where there is just sitting there. That's the shift.“   (Nothing being everything)

Was dann passiert, macht nur einen kleinen Unterschied: Soeben weißt du noch, dass du hier sitzt, plötzlich verschwindet das Ich und das Sitzen bleibt allein zurück.

Können wir selbst etwas tun, damit das Ich verschwindet? Tony Parsons bestreitet das und betont, dass alle traditionellen Konzepte gerade auf diesem Missverständnis von einem eigenständigen, getrennten Individuum beruhen, das meint, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen zu können.

Die Ich-Vorstellung ist das Hindernis, das zu überwinden ist. Deshalb die Frage, was macht uns so sicher, dass es ein Ich gibt? Das Einzige, dessen wir uns wirklich sicher sein können, ist, dass wir existieren. Ob diese Existenz geistiger oder materieller Natur ist, wird damit nicht geklärt. Eine andere Frage ist, ob innerhalb dieser Existenz auch ein Ich vorkommt.

Nehmen wir als einfaches Beispiel Zahnschmerzen: Heftige Schmerzen beim Kauen bedeuten, ich habe Zahnschmerzen. Ist das richtig? Schau ich genauer hin, werde ich feststellen, dass da nur der Schmerz ist, da ist ausschließlich der schmerzende Zahn und so angestrengt ich auch suche, ein Ich lässt sich nicht finden. Es entpuppt sich als etwas Zusätzliches, etwas Angelerntes, als ein Produkt meines Geistes. Wer das nicht glauben will, sollte selbst den Versuch machen und sich kräftig in den Arm kneifen. Da ist nur der Schmerz und kein Ich-Gefühl.

Das ist das Problem: Ohne es zu bemerken, erschaffen wir zusätzlich zu unserem Körper ein Ich und behaupten dann: Ich habe einen Magen, ein Herz, Arme und Beine. In Wirklichkeit sind wir selbst der Magen, das Herz, die Arme, die Beine, der Zahn und auch der Schmerz. Der Körper braucht kein Ich um zu funktionieren. Dann kommt jedoch das Ich hinzu und beschwert sich über den Schmerz. Und nicht nur das. Es mischt sich ständig in die Angelegenheiten des Körpers ein, hält dieses für gut und jenes für schlecht, will heute dies und morgen das. Es beschert uns einen Haufen zusätzlicher Probleme, obwohl es doch nur ein Produkt des Geistes ist.

Der Körper braucht kein Ich. Ob bei der Morgentoilette oder beim Frühstück, wir sollten unseren Körper, die Arme, die Hände, den Mund beobachten, wie sie spielend ohne die Hilfe eines vermeintlichen Ich auskommen. Dann werden wir erkennen, dass der Ich-Verzicht keinen Verlust sondern einen Gewinn bedeutet.

Detlef B. Bartel 

zurück