Kurze Rezension zum Buch „Alltagsmeditationen" von D. Bartel  

Ich schreibe diese Rezension als Neurologe und Nachfolger in der Praxis von Dr. D. Bartel, der einen Teil der Menschen weiterbetreut, die zuvor von Dr. Bartel behandelt worden sind. 

In diesem Buch wird ein theoretischer Hintergrund dargestellt, der eine Synthese aus medizinisch-neurophysiologischen, (quanten-)physikalischen und philosophischen Elementen umfasst. Im Bereich des philosophischen Darlegungen gehen insbesondere Betrachtungen aus der östlichen Erfahrungswelt ein mit einem Begriffsapparat, der für das abendländische Denken eher ungewohnt und teilweise  zunächst schwer verständlich ist. Durch den schrittweisen Aufbau der kurz gehaltenen Abschnitte wird der Leser gewissermaßen spiralförmig an die Denkweise herangeführt, so dass er mit der Zeit eine bessere Vorstellung von der Thematik bekommt. Ohne dass es direkt ausgesprochen wird klingen auch Parallelen zu biblischen Themen an und zwar besonders zu solchen, in denen der Mensch weniger als das ständig zu Handlungen aufgeforderte Subjekt angesprochen wird, sondern in denen er auf eine Haltung der Demut und „geistigen Armut“ hingewiesen wird (siehe die Seligpreisungen: „selig sind die geistig Armen…“).

Diese Änderung der Perspektive ist deswegen aufschlussreich, weil sie gegen den Mainstream gerichtet ist, in dem alle Erkenntnis dem Denken zugeschrieben wird und der gesellschaftliche Fokus auf die Hirnforschung gerichtet ist („The decade of the brain“, etc.). Die gegenwärtigen Vorstellungen in der Neuropsychiatrie gehen davon aus, dass das Gehirn und „sein“ Denken der Schlüssel für alles Verstehen und Verhalten ist. Innerhalb der Psychotherapie hat die Verhaltenstherapie eine dominierende Rolle zur Beeinflussung des menschlichen Handelns und Befindens. In welchem Zusammenhang dabei Geist und Bewusstsein stehen, bleibt weitgehend offen. 

Es wird im Buch eingehend dargelegt, dass der Geist nicht der alleinige Schlüssel für das Verständnis des Menschen ist, sondern dass das Leben zu verarmen droht, wenn es sich dem Diktat des Geistes unterwirft (S. 239). Zentrale Begriffe, die beleuchtet werden, sind die ‚Form‘ und ‚Leerheit‘ und ‚der Punkt vor dem Denken‘. Dieser meint die Wahrnehmung einer Begebenheit, bevor das Gehirn zu interpretieren und bewerten beginnt. Durch das Richten der Meditation auf diesen Punkt entsteht ein tieferes Verständnis der Kernfrage: „Wer oder was sind wir Menschen?“

Dabei kommt man von den theoretischen Fundamenten zur alltagsrelevanten Praxis. Dieser Ansatz mag auch im medizinisch-psychologischen Alltag für Patienten eine sinnvolle Erweiterung darstellen, sich umfassender zu begreifen und sich dadurch aus der Gebundenheit des Materiellen und der Dichotomie zu lösen. Vielleicht ist es auch ganz einfach eine Entlastung für den Menschen, nicht immer einem gedankengelenkten Gestaltungsauftrag zu gehorchen. 

Ein sehr belebender Aspekt des Buches ist die Einstreuung von Gedankenspielen, Fabeln und die spielerische Annäherung an die Fragen des Lebens. 

Ich wünsche dem Buch, dass es einem großen Leserkreis Anregungen geben möge und Patienten eine neue Perspektive eröffnet! 

Gunnar Riemer 
Berlin, den 28. Juli 2020 


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