Schach dem Ich

Eine Schachfigur ohne Schachspiel ergibt genauso viel Sinn wie eine Bierdose ohne Bier. Was ist der König ohne Dame? Allein ist er ohne Bedeutung, ein Nichts. Er könnte weder angreifen noch von anderen bedroht werden. Erst wenn alle Figuren auf dem Brett stehen, kann das Spiel - und der Kampf - beginnen: Schach dem König.

So ist auch der Mensch auf sich allein gestellt ohne Bedeutung, ein Nichts, ein Niemand. Erst die Gemeinschaft macht ihn zu einem Jemand, zu einem Subjekt.

Die ersten Monate unseres Lebens verbrachten wir im Einssein mit unseren Müttern. Noch waren wir „niemand“, zum Subjekt wurden wir erst später. Was kaum einer bedauern dürfte, schließlich will niemand ein Niemand sein. Was dabei gerne übersehen wird, ist, dass wir zu Anfang alle als niemand gleich waren. Die Unterschiede - und mit ihnen der Kampf - traten erst mit dem Subjekt auf den Plan.

Dem Ansehen der Subjektphilosophie hat das offensichtlich nicht geschadet. Wir wissen sehr wohl, dass Subjekt und Narzisst auf derselben Skala nur wenige Striche von einander entfernt liegen. Und wir wissen auch, wozu Narzissten in der Lage sind.

Als Subjekte glauben wir vielleicht, mit Narzissmus nichts zu tun zu haben. Das ist leider eine Selbsttäuschung, weil es psychologisch gesehen ein und dasselbe ist, unterschiedlich nur in der Skalierung. So wird natürlich niemand von denen, die im Internet mit Tweets unterwegs sind, zugeben, ein Narzisst zu sein. Und doch wimmelt es dort davon.

Das Subjekt befindet sich in ständiger Gefahr, sich in sich selbst zu verlieren. und sich so selbst und anderen zum Feind zu werden. Um das zu vermeiden, ist eine selbstkritische Einstellung gefragt. Selbsterkundung ist eine Möglichkeit. Und das Ziel heißt natürlich: Schach dem Ich. 


Detlef B. Bartel - Berlin, Oktober 2020

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