Selbstbefreiung oder Selbstoptimierung? 

Selbsterkennung macht sich nicht die Selbstoptimierung, sondern die Selbstbefreiung zum Ziel, die Befreiung aus dem Gefängnis unserer Programmierungen. Dazu gehören natürlich auch unsere Überzeugungen. Nun hatte schon Friedrich Nietzsche festgestellt:

Überzeugungen sind Gefängnisse ... Die Freiheit von jeder Art Überzeugung gehört zur Stärke, zum Frei-Blicken-können.“

Meine geheiligten Überzeugungen aufzugeben, bedeutet das nicht eine Preisgabe meiner Autonomie und damit einhergehend eine Zerstörung meiner sozialen Basis?  Das Recht auf Autonomie und individuelle Selbstverwirklichung wurde wohl von niemandem entschiedener eingefordert als von Michel Foucault. Ihm galt die Forderung nach Autonomie als das schlechthin wesentlichste Motiv aller sozialen Bewegungen. Er sah das Individuum insbesondere durch drei Herrschaftsformen bedroht:

1. Kampf gegen alle Formen der ethnischen, sozialen und religiösen Herrschaft.
2. gegen alle Formen der Ausbeutung, die das Individuum von dem trennen, was es produziert.
3. gegen alles, was das Individuum an sich selbst fesselt und dadurch andere unterwirft.
(Hans Herbert Kögler - Michel Foucault, 1994)

Für uns ist der 3. Satz von Bedeutung. Es ist leider nicht so, dass nur wir die Gefesselten sind. Nein, wir unterliegen einem unwiderstehlichen Zwang, die Fesseln unserer Überzeugungen auch allen anderen anzulegen. Und das bedeutet Krieg.

Sobald sich Selbstoptimierung in den Dienst der Selbstbehauptung stellt, wächst die Gefahr des Krieges. Dagegen bringt Selbstbefreiung uns immer nur dem Frieden näher.

Detlef B. Bartel - Berlin, Oktober 2020

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