Selbstoptimierung und Ich-Verzicht

Gemäß dem Drei Stadien Konzept Kierkegaards lebt der Mensch anfänglich unreflektiert unter dem Diktat seiner sinnlichen Empfindungen. Jedoch spürt er eine latente Verzweiflung, weil er noch nicht sein wahres Selbst erkannt hat, das nicht nur rein immanent, sondern auch transzendent ist. In dieser Situation kommen diverse Möglichkeiten der Selbstoptimierung zur Anwendung, seien es Yoga-Kurse, Fitness-Studios, Coaching-Seminare, Psychotherapie und andere mehr. All diese Konzepte sind mehr oder weniger geeignet, den mit der Immanenz verbundenen Problemen entgegenzutreten. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass all diese Strategien unausweichlich mit einer Stärkung des Ich-Gefühls einhergehen.

Das Ich hat uns schon immer begleitet. Es tritt in allen möglichen Lebenssituationen ungebeten auf den Plan, als freundlicher Schiedsrichter oder eben auch als strenger Zuchtmeister. Auf Dauer kann sich das Ich zum wahren Quälgeist auswachsen und wir wünschten, es besser heute als morgen wieder loszuwerden.

Selbstoptimierung kann zur Bewältigung immanenter Problem von Wert sein, doch müssen diese Konzepte versagen, wenn das Leiden von einem unbewussten Wunsch nach dem Ende des Getrenntseins herrührt. Um diesen Mangel zu beheben, empfiehlt sich eine der Selbstoptimierung entgegengesetzte Strategie: der Ich-Verzicht.

Nun wird man sich fragen: Was soll der Ich-Verzicht bringen, was ist der Mehrwert dieses Projektes? Ein eher oberflächlicher Effekt liegt auf der Hand: Wir wären den inneren Quälgeist los. Der tieferliegende Grund ist jedoch ein anderer: Das Ich ist der Hauptverantwortliche für unsere Vereinsamung, sein Ende bedeutet auch das Ende des Getrenntseins.

Detlef B. Bartel 

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