alltagsmeditationen

Die Kunst des Nicht-Wissens

Vergänglichkeit und Zeitlosigkeit

 „Alles Sein ist vergänglich“. Dieses Prinzip fernöstlicher Weisheitslehren dürfte auch für diejenigen intuitiv leicht nachvollziehbar sein, die sich bislang nicht näher damit beschäftigt haben. Man werfe nur einen kurzen Blick in die eigene Vergangenheit.

Das könnte sich rasch ändern, wenn man weiß, dass Vergänglichkeit nur eine abgemilderte Form eines noch grundlegenderen Prinzips dieser Lehren darstellt: die Unbeständigkeit. Sie besagt: „Alles ist nur vorübergehend“.

Auf den ersten Blick mag auch diese Aussage kaum jemanden beunruhigen. Bei eingehender Betrachtung könnte sie jedoch schockieren. Denn was nur vorübergehend ist, hat per definitionem kein vorher und kein nachher, weder Vergangenheit noch Zukunft. Mit anderen Worten, alles Vorübergehende existiert außerhalb der Zeit.

Wenn nun wie behauptet „alles“ nur vorübergehend ist, kann es keine Zeit geben. Dennoch sind wir von der Zeitlichkeit des Seins fest überzeugt. Wo liegt das Problem?

Nun, wenn wir genau hinschauen, sehen wir, wie sich Ereignis an Ereignis reiht. Ereignisse mögen sich ähneln, dennoch ist jedes einzelne für sich genommen einzigartig und einmalig. Das Ereignis ist pure Gegenwart, frei von Vergangenheit und Zukunft. Letztere gibt es nur in Geschichten.

Zeit entsteht erst, wenn wir aufgrund von Wiederholungen bestimmter Erscheinungen auf von uns unabhängige materielle Existenzen schließen. Dabei gibt uns das Ereignis selbst keine Auskunft über die Art der Existenz: Es könnte sich ja auch um einen Traum, eine Halluzination oder eine Fata Morgana handeln. Das erfahren wir immer erst nach dem Ereignis: nach dem Traum, nach der Halluzination, nach der Fata Morgana. Während des Ereignisses ist die einzige Sicherheit, die wir haben, das Ereignis selbst, mehr nicht.

Was die Zeitfrage angeht, besteht fraglos ein weit verbreitetes Missverständnis. Es dürfte doch unstrittig sein, das alles, was passiert ist, der Vergangenheit angehört. Das Vergangene kann niemals in der Gegenwart, im Augenblick erscheinen. Dieser wäre ohnehin viel zu kurz dafür. Und da der Augenblick das einzige ist, was wir erleben, und weil dieser Augenblick nun mal keine Zeit hat, leben wir immer in der Zeitlosigkeit. 

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