Was bin ich?

Wenn das Subjekt nicgt zur Welt gehört, dann müssen wir uns doch fragen: Was bin ich? Und das ist auch die zentrale Frage der Meditation. Wer sich auf das Spiel einlässt - es kann einige Jahre dauern, bis sich der Schleier lichtet - wird eines Tages erkennen, dass der Kern unseres Seins nicht das ist, was laut Wittgenstein zur Welt gehört, sondern deren Grenze: Das Subjekt selbst als ein sich seines Selbst bewusstes Wesen, von dem sich Leben und Energie nur in der Darstellungsform unterscheiden. Und es wird dann auch klar gesehen, dass das, was wir heute für die Welt halten - das in der Welt Sein - uns nur als eine Erscheinung an der Oberfläche des Seins in den Bann zieht. 

Normalerweise ist unsere Sichtweise eine ganz andere, nämlich so, wie wir es in der Schule gelernt haben und uns alle Welt erzählt. Diese Sicht der Dinge verdanken wir einer heute herrschenden blinden Wissenschaftsgläubigkeit, einer Wissenschaft, die nur dem gehorcht, was zu sehen, zu hören und zu fühlen ist. Das mag eine kleine Anekdote aus dem Alltag veranschaulichen: Als der Wachtmeister zu nächtlicher Stunde sein Revier durchläuft, fällt ihm ein sichtbar angeheiterter Partygast auf, der im Lichte der Straßenlaterne suchend den Boden inspiriert. Fragt der Wachtmeister: „Junger Mann, suchen Sie etwas? Kann ich Ihnen helfen?“ Sagt der Partygast: „Muss - hicks - mein Portemonnaie verloren haben - hicks - kein Geld für Taxi.“ Der Wachtmeister bietet seine Hilfe an, kann aber nichts finden und fragt nach einer Weile: „Hier ist nichts. Wo haben Sie denn Ihr Portemonnaie verloren?“ Der Partygast: „Dort hinten an der Ecke - hicks.“ Wachtmeister: „Ja und wieso suchen Sie dann hier?“ Antwort: „hicks - weil dort kein Licht ist“. 

Das ist das Problem der Wissenschaftler: Sie suchen nur dort, wo Licht ist, mit anderen Worten, was zur Welt gehört. Auf diese Art reduzieren sie unser Sein allein auf das, was sie sehen oder hören können, was messbar ist, was sich in Tabellen dokumentieren lässt. Sie reduzieren es auf das „Zuhandensein“ der Dinge, wie Martin Heidegger es nannte, und verpassen somit das, was schon immer vorhanden ist: das Subjekt. 

Das alles wäre nicht so tragisch, wenn sich nicht seit Ende des vergangenen Jahrhunderts ein bestimmter Typ von Wissenschaftlern zunehmend Gehör verschaffte, der uns mit vollmundigen Versprechungen weiszumachen versucht, dass er allein die Menschheit zu retten in der Lage sei. In Unkenntnis der Tatsachen wird uns der Cyborg der Zukunft prophezeit, sozusagen die in der Evolution notwendige Weiterentwicklung des Menschen, eine Art Maschinenmensch, der dem Menschen geistig weit überlegen sein soll. Auf dem Boden einer Mischung aus Wichtigtuerei, Spekulation, Scharlatanerie und außer Kontrolle geratener Intelligenz gedeihen ernsthafte „wissenschaftliche“ Überlegungen, dass zum Beispiel mithilfe im Gehirn implantierter Mikrochips die Intelligenz des Menschen um ein Vielfaches zu steigern wäre. Dabei bleibt völlig offen, wie die Gehirnzelle mit einem Chip kommunizieren soll. Selbst der lesebegabte Durchschnittsmensch ist mit dem Auslesen endloser Zahlenreihen von Einsen und Nullen hoffnungslos überfordert. Erst recht das Neuron, zumal mit Sicherheit kein geistesgesunder Neurologe jemals behaupten würde, dass ein Neuron überhaupt zu lesen vermag. Wer oder was soll nun die Informationen des Chips im Kopf des Menschen verarbeiten oder auslesen? 

So ist das mit der KI. Diejenigen, die am lautesten nach künstlicher Intelligenz rufen, sind diejenigen, die sie am dringendsten nötig hätten.

Berlin, Januar 2020 - D. Bartel

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