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 Einleitung 

Dank des Gehirns und seiner Sinnesorgane erfahren wir, was draußen passiert. Augen und Ohren sind unsere Fenster zur Welt. Dabei macht sich das Gehirn die erstaunliche Fähigkeit zunutze, aus den vielfältigen Sinnesreizen eine Realität zu konstruieren, die wir dann für die eigentliche Wirklichkeit halten. Obwohl diese Wirklichkeit nur in unseren Köpfen stattfindet. Was hat nun Meditation damit zu tun? Etwas verkürzt ausgedrückt kommt der Meditation die Aufgabe zu, genau diese Wirklichkeit im Kopf zu erkunden. Der Methoden gibt es viele. Das Literaturangebot ist kaum noch zu überblicken. Und doch bleibt Meditation ein Thema, zu dem noch lange nicht das letzte Wort gesprochen wurde. Zumal für den größten Teil der Menschheit das, was gemeinhin unter dem Schlagwort Erleuchtung gehandelt wird, weiterhin ein Buch mit sieben Siegeln sein dürfte.

Meine erste Begegnung mit der gleichermaßen seltsamen wie fremdartigen Gedankenwelt fernöstlicher Weisheitslehren war in den siebziger Jahren ein Buch von Eugen Herriegel: „ZEN in der Kunst des Bogenschießens“. Dieses kleine Büchlein erfreute sich seinerzeit der Aufmerksamkeit einer bunt gemischten Schar interessierter, meist relativ junger Leser. Die Beatles waren gerade zu Besuch in Indien, um sich dort medienwirksam mit Maharishi Mahesh Yogi ablichten zu lassen. Einige Jahre zuvor hatte Oswald Kolle im Windschatten der Antibabypille die Sexualität von ihren Fesseln befreit. Zur gleichen Zeit philosophierte Timothy Leary über eine „Neu-Programmierung“ des Gehirns mittels psychedelischer Substanzen. Die außerparlamentarische Opposition war mit den protestierenden Studenten allgegenwärtig in den Straßen Berlins. Dazu die Hippies mit ihren Träumen von Liebe und Freiheit. Die Einen, mit Che Guevaras Buttons am Revers, probten die Revolution, die Anderen, mit Blumen im Haar, das Paradies. Langweilig wurde es nie.

Dann der Absturz, RAF-Terror, Drogen, Christiane F., Ernüchterung, vorbei der Rausch des Aufbruchs. Und als ob es damit nicht genug wäre, tauchte in den 80iger Jahren wie aus dem Nichts eine unheimliche, bis dahin gänzlich unbekannte Krankheit auf. Vier Buchstaben sollten uns fortan das Fürchten lehren: AIDS. Ein tödlicher Virus, der wie ein Gottesurteil über gut zwei Dekaden sexueller Freizügigkeit daherkam. Was ist geblieben? Verglichen mit den anfänglichen Träumen und Hoffnungen herzlich wenig. Aber immerhin die Erinnerung an das geheimnisvolle Büchlein Herriegels, mit dem ich damals noch herzlich wenig anzufangen wusste. Doch machte sich schon während der ersten Lektüre das leise Gefühl bemerkbar, einer versteckten tieferen Wahrheit begegnet zu sein. Dieses Gefühl sollte mich nie wieder verlassen.

Später wurde dann klar, was sich dahinter verbarg. Es geht letztlich um die Frage aller Fragen: Wer oder was bin ich? Was bedeutet Leben, Bewusstsein, Realität und Sein? Dies ist auch das zentrale Thema des Buches. Es ist die Einladung zu einem Bewusstseinsabenteuer an alle: an Meditierende, die schon unterwegs sind und an andere, die noch nach Wegen suchen. Aber natürlich auch an alle interessierten Skeptiker.

Abenteuerreisen ins Unbekannte sind selten gemütliche Spaziergänge. Auf unserem Weg könnten wir in Situationen geraten, die irritieren oder sogar absurd erscheinen, wenn das gewohnte rationale Denken nicht mehr greift. Die gängigen Meditationsschulen bringen Begriffe ein wie: die Welt als Illusion, Aufgabe des Ichs, Loslassen, Freiheit von allem, Leerheit, Zeitlosigkeit, das absolute Nichts und sofort. Richtig verstanden sind es bewährte Hilfsmittel auf dem Weg zum Ziel. Solange der Groschen aber noch nicht gefallen ist, könnten gerade sensible Personen damit ihre Probleme haben. Die Hoffnung, mit dem Durchbruch würde sich das alles schlagartig bessern, mag zwar stimmen. Bloß kann es zehn, zwanzig oder auch mehr Jahre dauern, bis sich der Vorhang hebt und den Blick freigibt.

Das sollte in den meisten Fällen erst mit der sogenannten Erleuchtung zum Tragen kommen. Vom Hörensagen scheint Erleuchtung ein undurchsichtiges Mysterium zu sein, dem unsere westliche Mentalität nicht gerade entgegenkommt. Was aber keineswegs bedeutet, man könnte sich dem Thema nicht rational nähern. Es gibt nur eine Wirklichkeit, egal wie sie auch sein mag. Sollte das zutreffen, dann können die Zugangswege so unterschiedlich auch nicht sein. Das gefühlsbetonte Denken der Asiaten und die analytische Vorgehensweise des Westens unterscheiden sich nur äußerlich. Zu einem Verständnis kann sowohl der eine als auch der andere Weg führen.

Auf den folgenden Seiten kommt es zu häufigen Überschneidungen und Wiederholungen. Es ist wie ein Puzzlespiel. Du hast ein Teil schon hundertmal in der Hand gehalten, ohne zu wissen, wo es hingehört. Irgendwann fügt es sich wie von selbst an der passenden Stelle ein und das Bild erscheint als Ganzes klar vor Augen. Sollten Verständnisprobleme auftreten, so liegt das sicherlich auch an einer für die meisten Leser ungewohnten und fremdartigen Perspektive. Dabei darf nie vergessen werden, dass es letztlich um einfache Fragen des Lebens geht. Leider folgen einfachen Fragen nicht immer einfache Antworten. Sollte sich dieser oder jener Satz nicht sofort erschließen, dann darf auf keinen Fall nach einem versteckten Sinn hinter den Worten gesucht werden. Das gilt ebenso für alle Zitate inklusive der Zen-Literatur. In diesem Buch geht es ausschließlich um das Offensichtliche, nicht um etwas Verstecktes, um Geheimnisse oder irgendwelche hintergründigen Bedeutungen. Was nicht heißt, dass das Offensichtliche von jedem sofort gesehen wird. Wenn es so wäre, brauchten wir nicht zu meditieren. Was nicht sofort gesehen wird, wird später gesehen. Und was nicht sofort verstanden wurde, wird später verstanden. In diesem Fall wird um geduldiges Weiterlesen gebeten, bis das Puzzleteil seinen Platz findet. In der Regel sollten sich die meisten Fragen im Verlauf der Lektüre von selbst beantworten.

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